Tessa Knapp

Tessa Knapp berichtet über ihren Aufenthalt in Georgien 2016 

Tessa Knapp wurde wie Katharina Maderthaner 2016 für das Internationale Austauschprogramm gewählt. Im Oktober 2016 verbrachte sie vier Wochen in Georgien, dann reiste sie nach Armenien. Tessa Knapp schloss 2007 ihr Studium der Medienkunst in Köln mit Auszeichnung ab. Seither arbeitet die 36jährige vor allem im Bereich Videokunst und Rauminstallationen.

FKB: Wie hast du die Kunst- und Kulturlandschaft in Georgien wahrgenommen?

Tessa: Meine Ansprechpartnerin Natalia Nebieridze, selbst Künstlerin, hat mich zu vielen Orten und Veranstaltungen in Tiflis geführt: Vom Festival für Polyphone Musik, zur Buchveröffentlichung aktueller Typografie über Treffpunkte im Nachtleben, Eröffnungen und Workshops in Galerien, Institutionen und alternativen Orten.
Es hat sich die Möglichkeit ergeben, im Rahmen des Kunstfestivals „Artisterium“ an einer Ausstellung im Literaturmuseum teilzunehmen, und darüber war ich im Austausch mit der Kuratorin Magda Guruli. So haben sich auch Atelierbesuche bei Künstlern vor Ort ergeben. Als Beteiligte haben wir uns dann natürlich im Umfeld des Festivals bewegt und uns beim Arbeiten, in Pausen oder auch mal einer Tour aufs Land ausgetauscht. Die georgische Stipendiatin des Vorjahres habe ich gefragt, ob es wohl Zufall sein mag, dass ich vielen Künstlern aus Künstlerfamilien begegnet sei. Sie kam zu dem Schluss, dass künstlerische Wahrnehmung durch die Schule nicht sonderlich gefördert, eher von Eltern mit akademischen oder künstlerischem Hintergrund sensibilisiert würde.
Im Laufe der Zeit habe ich verschiedene Szenen wahrgenommen, die es dort wie auch hier gibt. Darin auch Widersprüche: Einerseits diejenigen, bei denen alles so bleiben kann, ohne dass sich groß was ändern müsste, und auf der anderen Seite diejenigen, die das eigene Land modernisieren wollen. Mir fiel auf, dass international erfolgreiche Künstler in Ausstellungen oder als Professoren nicht sehr präsent sind, wenn sie das Land früh verlassen haben. Eine staatliche Sammlung für zeitgenössische Kunst gibt es in Georgien noch nicht. Allgemein halten junge Künstler auch nicht so viel von der Akademie, und dem, was dort an Brauchbarem mitzunehmen ist. Darum gibt es Aktionsfelder, die sich aus dem Bedürfnis entwickelt haben, zum staatlichen Kunststudium eine Alternative für zeitgenössische künstlerische Entwicklung zu schaffen. Das Center of Contemporary Art bietet „informell“ ein Masterprogramm an, was den Künstler mehr in der gesellschaftlichen Aufgabe sieht, neue Situationen zu schaffen.
Dann habe ich eine Gruppe von Künstlern kennen gelernt, die Projekte an der Schnittstelle von Kunst und Architektur realisieren. Wir haben ein gemeinsames Interesse für räumlichen Betrachtungen festgestellt, darum haben wir das Ein oder Andere praktisch in kleinen Aktionen ausprobiert. Schließlich habe ich mit georgischen Künstlern, mit denen ich zuvor gemeinsam studiert hatte, die also beide Perspektiven kennen, inzwischen zu einem angeregteren Austausch gefunden- was natürlich besonders spannend für mich ist, um die Erfahrungen zu integrieren.

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FKB: Wie hast du die Kooperation rund um die gemeinsame Ausstellung in Tiflis erlebt?

Tessa: Das Festival „Artisterium“ arbeitet seit fast zehn Jahren mit einem kaum vorhandenen Budget und großem Durchhaltevermögen daran, ein Forum für internationale Kunst zu schaffen. Es geht auf das Engagement einer etwas älteren Künstlergeneration zurück und hat wegen vieler Orte und Aktivitäten etwas von einer Biennale. Die Arbeit verteilt sich auf wenige aktive Leute, und die Hauptausstellungsfläche auf viele Künstler. Insofern war die Präsentation der Arbeiten von den Mitteln teils auch etwas eingeschränkt oder improvisiert. Wir wurden aber sehr offen und interessiert ins Festivalprogramm integriert und hatten eine gesonderte Ausstellung im Literaturmuseum. Das im Hinterhof liegende Café ist als Treffpunkt vieler Kreativen und Reisender eine gute Informationsbörse.

FKB: Wo siehst du die gravierendsten Unterschiede in der Kunstlandschaft der Länder Georgien, Armenien und Deutschland?

Tessa: Frühgeschichtlich können Armenier und Georgier sich auch in historischen Museen stolz messen, wenn es darum geht, wie weit die jeweilige Kultur zurück in die Vergangenheit reicht. Bei der zeitgenössischen Kunst sieht die Lage anders aus: In beiden Ländern gibt es im Vergleich zu unserer Situation kaum Mittel. Es fehlt die lokale Kunstförderung. Vereinzelt werden Projekte international gefördert, in Armenien wegen der Diaspora noch mehr. Die armenische Kuratorin Eva berichtete von Videokunst-Ausstellungen in leeren Häusern. In Tiflis gibt es eine Galerie, die als „Moving Gallery“ Ausstellungen in einem wandernden Container zeigt. Jedenfalls fand ich spannend, dass Nischen gefunden und Alternativen genutzt werden. Das beschäftigt mich, weil die Rolle und Wahrnehmung von Kunst so anders herausgefordert wird. Die Kunst im öffentlichen Raum ist in Tiflis sichtbarer, in Yerevan läuft wohl das Meiste als intellektuelle Subkultur ab. Darum geht es in der Szene Yerewans wohl auch politischer und kritischer zu. In Georgien tauchen Themen wie Ökologie und Stadtplanung auf.

FKB: Hättest du auch ohne Stipendium den Weg dorthin gemacht/gewagt/gefunden?

Tessa: Ich vermute nicht. Es ist doch erstaunlich, wie selektiv unser Wissen ist. Wie viele Bereiche der Erde es gibt, von denen wir keinen blassen Schimmer haben, über die kaum berichtet und gesprochen wird. Insofern bin ich froh, dass der leere Fleck auf der Landkarte durch das Stipendium Eindrücke bekommen hat. Und dass sich aus der Reise Impulse für neue Arbeiten ergeben haben.

FKB: Mit welchen Erwartungen bist du losgefahren?

Tessa: Ich habe mich eigentlich froher Dinge aufgemacht, möglichst keine Erwartungen zu haben, um nicht enttäuscht zu werden. Zu Beginn konnte ich mich treiben lassen, ein schöner Zustand. Ich habe die Freiheit genossen, die sich durch das Stipendium angeboten hat. So konnte ich Eindrücke aufnehmen, hier und da Fragen stellen und dann auf Spuren gelangen, die man weiterverfolgen möchte. So arbeite ich im Prinzip auch, ich sammle Wahrnehmungssplitter in Form von Videoaufnahmen, Notizen oder Ton und aus Eigenem entwickeln sich dann Arbeiten.

FKB: Wie hast du die politische Lage und die historische Entwicklung in den Ländern wahrgenommen?

Tessa: Mein Aufenthalt fiel in die Zeit der Wahlen. Also war die Stadt mit Gesichtern plakatiert, die ich schwer zuordnen konnte, bis ich den Wahlabend bei einer georgischen Familie und laufendem Fernsehen verbringen durfte. Während mir die Familienmitglieder ihre verschiedene Sicht auf die Parteien versucht haben zu vermitteln, wurde mir deutlich, dass es eigentlich um die Frage des kleinsten Übels geht. Eine Stimme sagte frei raus: „Politiker, die die Wahrheit sagen, haben in Georgien keine Chance. Politiker zu sein ist aber ein lukrativer Job.“ In Erinnerung an das goldene Mittelalter ist man stolz auf kaukasische Kultur und pflegt die orthodox geprägte Nationalidentität. Gleichzeitig hat man eine stärkere Eigenständigkeit zu Russland als etwa in Armenien und wendet sich nach Europa. Der Wechsel vom Sozialismus zur orthodox geprägten Demokratie war durch Umstürze, Bürgerkriege und niedergeschlagene Demonstrationen nicht gerade geschmeidig. Ich finde, Georgien hat was Ambivalentes.

 

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FKB: Wofür hast du besonderen Mut aufbringen müssen?

Tessa: Als Besucher brauchte ich keinen besonderen Mut aufzubringen. Einmal hörte man im Vorfeld der Wahlen vom Blumenmarkt einen Knall – die Autobombe hatte einem Politiker der Opposition gegolten, ihn aber glücklicherweise verfehlt. Man braucht in solchen Fällen nicht mehr oder weniger Mut als hier, wird aber nachdenklicher.

FKB: Welchen Stellenwert hat Kunst von Frauen nach deinen Erfahrungen in Georgien?

Tessa: Ich bin in Georgien einigen Frauen aus der Kulturszene begegnet, die mir tough vorkamen: Die Kuratorin des Festivals, die Direktorin des Seidenmuseums, eine Galeristin, meine Ansprechpartnerin sind alles Frauen, die sich durchsetzen können. Ich denke aber, dass es Ausnahmen, Feministinnen waren, weil ich mich in einem speziellen Kreis bewegt habe. Ich kann nicht sagen, dass die Gesellschaft liberal befreit auf mich gewirkt hätte. Der Einfluss der orthodoxen Kirche und die Tradition der klassischen Familie engen den Spielraum ein.

FKB: Was war die größte Überraschung?

Tessa: Das vielseitige Gesicht von Tiflis, das viele Einflüsse bis zu etwas ganz Eigenem in sich vereint. Die wechselnde Geschichte, die sich überall eingeschrieben hat. Dass sich das Stadtbild mal bescheiden funktional, dann plötzlich europäisch mondän, ja sogar modern, dann spektakulär marode zeigt. Am Liebsten waren mir die verwachsenen bunten Gassen als verträumte Notiz romantischer Tage, Land und Landschaft außerhalb. Es hat etwas gedauert, bis ich die Gemengelage einsortieren konnte: hier hat man sich westliche Stile und Lebensart hergeholt, geht man weiter grüßt Sowjetkultur. Biegt man um die Ecke, hämmert Wirtschaftsliberalismus. An anderer Stelle kauft man Kerzen und es wird sich bekreuzigt.
Blitzlichter, die ich noch deutlich vor Augen habe:
Überraschende einzelne Momente, die sich im inneren Album immer wieder neu sortieren: Eine einladende Haustüre in einen Hinterhof und dicke Weintrauben an der rostenden Balkonbalustrade. Die Situationskomik mit einem Wirt im Kaukasus. Ein Taxifahrer, mit dem ich mich mit nur zwei Worten angeregt unterhalten konnte, bis die Fahrt mit der Präsentation des Familienalbums beenden wurde. Genussperlen bei Speis und Trank, die kindliche Möglichkeit, etwas noch Unbekanntes wie Kornelikirschen zu kosten. Das dröhnende Organ einer Journalistin bei den Wahlen, das beiläufige Auftauchen eines Studienkollegen und der Nachbar, der zum Telefonieren am liebsten vor meiner Türe saß.

FKB: Welche Erfahrungen sind für dich am beeindruckendsten für deine weitere Arbeit in Deutschland?

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Tessa: Die graue Granitmasse im Kaukasus und der Anblick des Ararat, der mir nur einmal seine Spitze aus einer Dunstwolke heraus angeboten hat. Wegen meiner vorangegangenen Arbeit „Voices“ und der Beschäftigung mit Fremdsprachen höre ich den Klang der georgischen Sprache noch im Ohr.  Wieder angeregt wurde eine alte Passion zur Auseinandersetzung mit Orten. Der urbane Raum hat mich beschäftigt. Die Überlagerung von erhaltener Geschichte, Neubauten und Zerfall.
In Armenien waren es die vielen Baustellen-Skelette, die bleiben, wenn die Finanzierung für einen Neubau nicht gedeckt ist – oder im Gegensatz dazu der Bauwahn armenischer oder russischer Neureicher, die einen Disney-Mix an Baustilen zelebrieren. Herausgeputzte Altbau-Häuserfronten in Tiflis, die den Zerfall hinter der Fassade verdecken. Durchgerüstete Straßenzüge, in der X-Träger die Häuserfronten gegenseitig stützen, weil das Holz des Tifliser Bauweise morsch ist. Eine einbruchgefährdete armenische Kirche im Stadtkern, wie eine Kulisse von Tarkowski.  Als Teil der Szene ein Greis, der in der Sprache der Zahnlosen seine Wut und Leid – auf die Kirche deutend – klagt. Und es gibt Räume wie Zeitkapseln. Im Literaturmuseum und im Seidenmuseum in Tiflis bröckelt noch der Putz der Sowjetzeit von der Wand. Als wäre das Gebäude selbst das Museum, das die Zeit stillhält: Ein Ort der Entschleunigung, an dem man den eigenen Atem wieder hört und die Aufmerksamkeit auf die knarzenden Schritte des Wächters fällt, der die Pause beendet hat. Damit will ich was machen.

FBK: Was verbindet dich nach dem Stipendium noch mit Georgien/Armenien?

Tessa: Während der Reise waren es Eindrücke und Menschen. Herzliche Gastfreundschaft kann ich nur bestätigen. Man surft umsonst im städtischen WLan „Tbilisi loves you“ – das prägt sich ein und zieht an. Ganz aktuell verbinden mich Projekte mit der Stadt. Gerade unterstütze ich einen georgischen Künstler an der Schnittfassung seines Films, der die politisch-historische Entwicklung Georgiens analysiert. Aus dem Kontakt mit einer georgischen Kuratorin Irina Kurtishvili hat sich eine Gruppenausstellung im kommenden Winter in der Nationalgalerie ergeben. Dann bin ich gerade dabei, eine Installation für das historische Seidenmuseum in Tiflis unter dem Titel „Museum of Transformation“ zu entwickeln, ein für mich sehr inspirierender Ort. Mit der Direktorin habe ich das Projekt zum deutsch-georgischen Jahr 2017 als Gruppenausstellung georgischer und deutscher Künstler erweitert, so dass wir uns aus verschiedenen Perspektiven über Arbeiten austauschen und gemeinsam überlegen, wie sich ein Umdenken des Museumsbegriffs darstellen könnte. Im Mai fliege ich für eine kleine Aktion und zur Vorarbeit wieder ins „Land der knubbeligen Schrift“.

Das Interview führte Maria Meurer (mmtextstudio), Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Frauenkulturbüro NRW.